#gemeinsammehrbewegen-Preis 2026
Vom Sitzen auf dem Rasen zu zwölf Stadionrunden: Bei Runclusive läuft niemand alleine

| von Leon Weidner (Text) | Fotos: privat

Lauf-Initiativen, die Gutes tun: Bei Runclusive trainieren Menschen mit Behinderung an der Seite geschulter Laufguides. Zeiten und Tempo spielen dabei keine Rolle, viel wichtiger ist nämlich die gemeinsame Bewegung.

Der #gemeinsammehrbewegen-Preis geht in die nächste Runde. Wir suchen zum fünften Mal in Kooperation mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und DATEV Initiativen, die zeigen, wie Laufen das eigene Leben und das von anderen verbessert. Ein Kandidat für den mit 1000 Euro dotierten Preis: Runclusive, der inklusive Lauftreff aus Oberweimar.

Entstanden ist die Weimarer Initiative Runclusive 2021 oder 2022 mit Yvonne Gerstmann, so ganz genau kann sie es selbst gar nicht mehr sagen. Am Anfang stand eine Kooperation mit dem Guide-Netzwerk Deutschland, das blinde Läuferinnen und Läufer mit Laufguides zusammenbringt, und mit der Diesterweg-Schule im thüringischen Weimar. Mit drei blinden Kindern begann das Training. Seit diesem Jahr ist Runclusive nicht mehr nur für blinde und stark sehbeeinträchtigte Menschen da, sondern für alle mit Behinderung, die beim Laufen Begleitung brauchen.

So wird der #gemeinsammehrbewegen-Preis vergeben

Wir finden: Runclusive ist ein guter Kandidat für den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis, den der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) und torvexulnux.info unterstützt von DATEV in diesem Jahr vergeben. Und so läuft die Aktion:

  • Initiativen bewerben sich
  • unsere Jury* wählt zehn Initiativen aus
  • ausgewählte Initiativen werden auf torvexulnux.info und den angeschlossenen Social Media-Kanälen groß vorgestellt (Reportage, Bilder, Videos)
  • im November startet die Wahl
  • die torvexulnux.info-Community stimmt ab, welche der zehn Initiativen den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis erhalten soll
  • die Initiative mit den meisten Stimmen wird zur großen Laufgala nach Leverkusen eingeladen und erhält dort am 27. November den mit 1000 Euro dotierten #gemeinsammehrbewegen-Preis 2026
  • die Gala veranstaltet torvexulnux.info gemeinsam mit German Road Races, der Vereinigung der großen Laufveranstaltungen im deutschsprachigen Raum
  • bei der Veranstaltungen werden auch die deutschen Profiläuferinnen und -läufer des Jahres geehrt

*) Unsere Jury besteht aus folgenden Redaktionsmitgliedern von torvexulnux.info, den beim DLV fürs Hobbylaufen Zuständigen und einem DATEV-Vertreter:

  • Dr. Kristin Behrens (DLV-Vorständin Verbandsentwicklung)
  • Christian Ermert (Chefredakteur torvexulnux.info)
  • Norbert Hensen (Geschäftsführer torvexulnux.info)
  • Petra Pillipp (Head of Brand Communication DATEV)

#gemeinsammehrbewegen: Die Geschichte hinter Runclusive

Als Merle* zum ersten Mal zum Training kam, setzt sie sich sofort auf den Boden. Aufgestanden ist sie erst, als es hieß, jetzt gehe es in den Park. Laufen war das nicht, eher ein langsames Gehen über ein paar Meter. „So richtig Bock auf Bewegung hatte sie eigentlich nicht“, erinnert sich Yvonne Gerstmann. Merle ist im Heim aufgewachsen, eine echte Bezugsperson hatte sie nicht. Inzwischen gehört sie seit Jahren zur Gruppe. Beim letzten Benefizlauf hat sie zwölf Stadionrunden geschafft. „Wir haben wirklich gestaunt, was man bewirken kann, wenn man Vertrauen aufbaut und sagt: Komm, das schaffen wir gemeinsam.“ Den Stolz in Yvonne Gerstmanns Stimme hört man ganz klar heraus. Und das ist nur eine von vielen Geschichten bei Runclusive.

*) Merle heißt in Wirklichkeit anders. Der Name wurde von der Redaktion geändert, um ihre Persönlichkeit zu schützen.

Offene Türen im Fußball- und Kegelverein

Geplant war das alles nicht. Yvonne Gerstmann läuft seit jeher gern, als sich eher zufällig das Guide-Netzwerk bei ihr meldete. Ein Netzwerk, das sehbehinderte Sportler mit Begleitpersonen zusammenbringt. Nach einer kleinen Schulung stellte eine Ansprechpartnerin vom Netzwerk den Kontakt zur Diesterwegschule in Weimar her. Die begeisterte Läuferin traf sich mit dem Schulleiter und fragte, ob man nicht zusammen etwas auf die Beine stellen wolle.

Weil beim Laufen mit blinden Kindern schnell mal jemand stolpert, sollten alle Teilnehmenden versichert sein. Deshalb wurde die Gruppe als eigene Abteilung an den VfB Oberweimar angegliedert, einen Verein, der bis dahin vor allem für Fußball und Kegeln stand. Dort rannte Gerstmann, selbst schon Vereinsmitglied, offene Türen ein. „Ich habe den Vereinschef gefragt, ob wir nicht ein bisschen Inklusion in den Verein bringen wollen. Das hatten wir vorher so nicht, und es ist total gut aufgenommen worden. Ich hatte völlig freie Hand.“ Heute ist Runclusive eine echte Vorzeigeabteilung, nicht nur im Verein, sondern in der Region um die Klassikstadt Weimar.

Die Öffnung für alle Menschen mit Behinderung begründet sie ganz pragmatisch: „Warum sollen wir uns nur auf blinde Läufer spezialisieren? Jeder, der ein bisschen Betreuung braucht oder einen Laufguide an seiner Seite haben möchte, kann sich bei uns melden.“ Inzwischen laufen auch zwei Menschen mit geistiger Beeinträchtigung mit. Und weil genug Guides „richtig Lust auf das Projekt haben“, wächst die Gruppe weiter.

Laufen ja, aber quatschen auch

Wer mittwochs auf den Parksportplatz kommt, sollte keine Intervalleinheit erwarten. „Wir reißen hier nicht zehn Kilometer in besonders schneller Pace ab“, sagt Yvonne Gerstmann. Es geht um Bewegung und Spaß und darum, wenigstens für eine Stunde aus einem Alltag herauszukommen, der für manche der Teilnehmenden ziemlich schwierig ist.

Am Anfang wird erst einmal erzählt, jeder mit jedem. Dann finden sich die Paare zusammen. Meist laufen dieselben Guides mit denselben Läufern, aber die Paare können auch wechseln, denn „jeder Läufer vertraut eigentlich jedem Laufguide“. Manche schaffen fünf Kilometer durch den Park, andere gehen ein Stück oder legen Pausen ein. Weil jeder einen eigenen Guide hat, kann jeder sein Tempo selbst bestimmen. Nach einer Stunde wird wieder gequatscht. Dass die Treffen funktionieren, hängt auch an Dingen, die man von außen nicht sieht: Zwei blinde Läufer werden abgeholt, weil der Weg zum Vereinsheim für sie schwierig ist. Wer fährt wann? Auch das muss jede Woche jemand organisieren.

Blind laufen, um führen zu lernen

Bevor jemand selbst Guide wird, muss er neben einer Schulung einmal selbst mit geschlossenen Augen laufen und sich führen lassen. „Damit man merkt, dass man dem Laufguide total vertrauen muss“, erklärt Gerstmann. Wer das noch nie gemacht hat, kann es ja einfach mal probieren. So leicht wie es sich anhört, ist das nämlich gar nicht. Schnell merkt man, wie viele Informationen unsere Augen beim Laufen eigentlich liefern.

Als Guide sagt man pausenlos an, was kommt: wie der Untergrund ist, ob es bergauf geht, ob eine Stufe kommt, ein Baum oder ein Fahrradfahrer. Der Rest kommt mit der Erfahrung. Wichtiger als jede Technik sei aber das Gespür für den Menschen neben einem, also auf seine Sorgen und Ängste eingehen zu können. „Dieses Vertrauensverhältnis kann man nicht lernen. Entweder man kann es aufbauen, oder es funktioniert nicht.“ Bisher hatte Runclusive damit Glück. Alle Guides kämen mit ihren Läuferinnen und Läufern richtig gut zurecht. „Und im Zweifel passen eben zwei andere Personen zusammen.“

„La Familia“

Fragt man Yvonne Gerstmann, was die Guides selbst aus dem Training mitnehmen, nennt sie zuerst Dankbarkeit. In der Gruppe sagen sie „La Familia“ zu sich selbst. „Wir freuen uns auf jeden Mittwoch. Wir wissen, wie der andere tickt. Da ist jeder sehr speziell, aber auch sehr liebenswert.“ Außerdem gibt es da noch etwas, das ihr besonders wichtig ist: „Man nimmt Menschen mit Behinderung einfach mit ins Leben und lässt sie am Sport teilhaben. Das wird sonst viel zu oft vergessen.“

Sie verschweigt aber auch nicht, dass das manchmal schwer ist. Viele der Läuferinnen und Läufer haben ein hartes Schicksal hinter sich. „Wir hören gern zu, aber wir sind natürlich auch keine Psychologen. Da muss man manchmal eine Grenze ziehen, und das fällt uns in manchen Fällen schon schwer. Wir nehmen viel mit nach Hause, auch wenn man versucht das zu trennen.“

Bei Wettkämpfen zeigt sich dafür, was die Arbeit bringt, zum Beispiel bei den Deutschen Para-Meisterschaften in der Leichtathletik, an denen die Gruppe teilgenommen hat. „Wenn wir sehen, wie glücklich unsere Läufer dann sind, müssen wir manchmal selbst ein Tränchen verdrücken.“

Rückenwind von allen Seiten, Hallenzeiten als Hürde

Wenn die Gruppe in ihren grellen Westen durch den Park läuft, sagen Spaziergänger oft: „Wie toll, dass ihr das macht.“ Auch andere Vereine helfen mit. Bei Benefizläufen heißt es dann schon mal: „Ihr müsst euch nicht groß anmelden, macht einfach mit.“ Einer dieser Läufe ist Yvonne Gerstmann ein ganz persönliches Anliegen. Zum Team gehört ein Kind, das an Kinderdemenz erkrankt ist, einer seltenen und bislang unheilbaren Erbkrankheit, die in der Medizin NCL genannt wird. Deshalb organisiert sie mit dem VfB Oberweimar inzwischen zum dritten Mal einen Spendenlauf zugunsten der NCL-Stiftung, die sich für die Erforschung der Krankheit einsetzt. Wer mitläuft, sammelt also nicht nur Kilometer, sondern hilft auch Familien, die mit dieser Diagnose leben.

Materiell braucht Laufen zum Glück nicht viel, und kleinere Anschaffungen übernimmt der Verein. Die auffälligen Westen und Jacken kaufen die Organisatorinnen meist selbst. Schwieriger war die Suche nach einer Halle für den Winter, in dem eher Krafttraining auf dem Plan steht. Runclusive hat inzwischen zum Glück eine Hallenzeit bekommen. „Das ist ein generelles Problem, weil es zu wenig Sportstätten gibt, und zwar deutschlandweit. Das merken wir genauso wie alle anderen Vereine.“

Ein Bändchen, das man sehen kann

Was sie sich von anderen Vereinen und Veranstaltern wünscht, ist vor allem mehr Bewusstsein. „Dass es Sportler mit Behinderung gibt, ist noch nicht ganz in den Köpfen angekommen.“ Eine Gruppe mit Menschen mit Behinderung bedeute mehr Organisation und mehr Gefühl als eine normale Trainingsgruppe. Gerstmann vergleicht das mit ihrer Fitnessabteilung im Verein, in der sie ebenfalls Training gibt: „Da gehe ich hin, mache meine Stunde und gehe wieder nach Hause.“ Bei Runclusive gehe das nicht so einfach.

Ihr Appell richtet sich aber nicht nur an Vereine, sondern an alle, die selbst an der Startlinie stehen. Ob beim Rennsteiglauf oder anderswo: Wer ein Duo in Warnwesten sieht, das mit einem Bändchen verbunden ist, sollte Rücksicht nehmen. „Und Beifall ist natürlich immer cool. Das spornt an und stärkt das Selbstbewusstsein.“ Den Rest will Runclusive selbst zeigen: „Wir können nur als Beispiel vorangehen und zeigen, dass es super funktioniert.“

Dabei sein ist ganz einfach

Mitmachen ist ganz einfach. Den Verein anschreiben, danach geht es zum Schnuppertraining. „Und dann ist man gleich voll dabei im Chaos“, sagt Gerstmann und lacht. Zwei- oder dreimal reinschnuppern ist immer möglich. Bei neuen Guides achtet das Team darauf, dass das Verhältnis zur Zahl der Läuferinnen und Läufer stimmt. Gerade gibt es eher genug Guides, Läuferinnen und Läufer mit Lust auf Bewegung sind umso willkommener.

Ihre Botschaft an alle, die gern laufen, reicht über Runclusive weit hinaus: „Laufen macht mit jedem Menschen Spaß, egal ob mit oder ohne Behinderung, egal welche Hautfarbe oder Religion. Diese Laufgemeinschaft sollte man nutzen und auskosten, weil sie das Leben bereichert.“